Du hast deine feinsten Sinne leiser gedreht, damit du alles tragen kannst.
Als Kind hast du alles gespürt. Du bist in einen Raum gekommen und wusstest sofort, was zwischen den Menschen darin läuft. Du hast gemerkt, wer es gut mit dir meint. Du hast mit Tieren gesprochen und dich unter Bäume gesetzt, und beides war für dich vollkommen selbstverständlich.
Das ist deine wahre Natur. Fein, durchlässig, wach.
Dann hast du gelernt, dass es zu viel davon gibt. Also hast du den Regler heruntergedreht, weil das Leben mit leiseren Sinnen einfacher lief. Später kam die Verantwortung dazu. Menschen, die an dir hängen, Entscheidungen, die sonst niemand trifft. Wahrnehmung wurde teuer und Tempo wurde billig.
Darunter sitzt Angst. Die Angst, zu viel zu sein. Die Angst, zu wenig zu genügen. Die Angst davor, was passiert, wenn du einmal ausfällst. Diese Sätze hat dir vermutlich niemand so ins Gesicht gesagt. Verstanden hast du sie trotzdem.
Sei lieb.Sei brav.Halt dich zusammen.Zeig keine Schwäche.Sei nicht anspruchsvoll.Sei nicht kompliziert.Sei nicht zu viel.Fühl später.
Später kam nie. Diese Prägungen laufen unbewusst, sie fühlen sich nach deinem Charakter an, und sie melden sich genau dann, wenn es unbequem wird.
Dein Gespür lag immer richtig. Du hast es überstimmt, und es wartet bis heute darauf, dass du es wieder hörst.